Wo der Luchs dem Auerhahn gute Nacht wünscht

Wo der Luchs dem Auerhahn gute Nacht wünscht


Ternberg. Trattenbach. Zwei kleine Gemeinden direkt am Fluss Enns. Eine Region in Oberösterreich, wo in den Bergen der Fuchs dem Auerhahn noch gute Nacht sagt. Heimat der weltberühmten Taschenfeitel, einem Taschenmesser, das angeblich weltberühmt sei. Ich hatte es vorher noch nie gehört, aber sei es drum.

Hier kommt auch Holi her mit bürgerlichen Namen Matthias Hohlrieder. Er hat die Kaffeerösterei C-Sol gegründet, betreibt ein Café in Steyr und führt damit eine Familientradition fort. Seine Großeltern hatten in Ternberg eine Bäckerei, die bis heute existiert. Und wenn man Glück hat, steht dort die Oma selbst noch hinterm Tresen, kernig, resolut und ganz klar die Chefin.

Anreise mit Hindernissen

Wir sind mit leichtem Gepäck gereist, nur Handgepäck, keine Räder. Holi hat uns welche geliehen, was uns die Anreise stark erleichterte. Schon der Weg nach Steyr hatte seine Anekdote: eine Taxifahrt in Salzburg, die man so schnell nicht vergisst.

Der Fahrer war eine skurrile Type. Mit Affenzahn durch die Stadt, beinahe einen älteren Herren über den Haufen gefahren und die ganze Zeit am Überzeugen: er könne uns doch direkt die 150 Kilometer nach Steyr fahren. Nebenbei seine Lebensgeschichte: Österreich sei zu teuer, er ziehe bald in die Schweiz, er handele mit Rohstoffen – Gold und so –, und ach ja: er sei mal von einem Afghanen abgestochen worden. Der kriege jetzt vom Staat Wohnung und Geld. Während er das erzählte, raste er weiter durch die Straßen. Wir saßen derweil immer noch in seinem Taxi mit kleinen Stoßgebeten auf den Lippen.

Wir sind dann doch lieber mit dem Zug weiter nach Steyr.

Ankommen in Ternberg

Am Abend hat uns Holi sein Café in Steyr gezeigt und wir haben eine kleine Führung durch die Region bekommen. Zum Abendessen ging’s mit ihm und seinem Vater in einen Gasthof. So, wie man sich das in Österreich vorstellt: zünftig, herzlich, jeder kennt jeden. Draußen auf der Terrasse im T-Shirt, Knödel mit Schwammerl auf dem Teller. Als hippe Großstadt-Veggies hat man hier eigentlich keine Chance, aber die Knödel waren ein Gedicht.

Das Beste daran, wenn man mit einem Bäckerssohn unterwegs ist? Frühstück in der eigenen Bäckerei. Holi hatte alles arrangiert. Die Mitarbeiterin war instruiert:

„Da kommen zwei Flachländer, die brauchen ein bisschen Orientierung.“ 

Wir wurden bestens versorgt, in der Sonne, mit Frühstücksei inklusive. Perfekter Start in den Tag.

Graveln im Nationalpark

Holi hatte sich den ganzen Tag für uns freigehalten. Der Plan: 73 Kilometer, 1.700 Höhenmeter, zwei knackige Anstiege. Quer durch den Nationalpark Kalkalpen – 20.000 Hektar groß, größter zusammenhängender Buchenwald Österreichs, Lebensraum für Luchse, Auerhühner, Schwarzstörche und eine ganze Menge Fledermäuse. Ein Paradies für Gravelbiker.

Wir also: Sonnencreme ins Gesicht, Flaschen mit Carbs gefüllt und los. Die ersten 15 Kilometer waren laut Holi „nur Anfahrt“. Für mich schon ein Traum: die Enns fließt malerisch durchs Tal, daneben ein Radweg, leichte Wellen, im Hintergrund Waldkuppen und Gipfel. Man ahnt, was kommt.

Dann Champagner-Gravel vom Feinsten, ein Bach plätschert neben uns – und bei Kilometer 25 der erste Anstieg. Mein erster richtiger Berg auf dem Gravelbike überhaupt. Ich hatte keine Ahnung, wie hart es sein kann, im Sattel zu bleiben und mit 5 km/h hochzukriechen. Nach drei Kilometern war ich komplett durch. Dazu bremste mein Leihgaul permanent und quietschte, als wolle er mich ärgern. Holi lachte nur:

„Die zwei, drei Watt fallen doch nicht ins Gewicht.“

Oben, nach 36 Kilometern, war ich einfach nur glücklich: Kopf in einen eiskalten Trog stecken, Weißbier mit Almdudler mischen, Apfelstrudel hinterher. Herrlich.

Die Abfahrt danach? 30, 40 Sachen auf Schotter. Für mich neu, aufregend, fast ein bisschen beängstigend, aber auch berauschend.

Es folgte Flow vom Feinsten. Kilometerlange Passagen Champagner-Gravel, bis Holi die nächste Gemeinheit auspackte: Anstieg Nummer zwei. Weniger hoch als der erste Berg, dafür aber steiler. Oben war ich fertig, fix und foxy, einfach leer. Holi hatte seine Flasche noch nicht angerührt. Ich wäre am liebsten in Embryonalstellung ins Gras gesunken.

Am Ende waren es 73 Kilometer und wir müde, aber glücklich. Unsere Belohnung: Schwimmbad-Burger mit Pommes im örtlichen Freibad. Das Leben kann so schön sein.

Kaiserschmarrn-Prolog

Der nächste Tag begann mit einem Besuch in Holis Rösterei. Er erklärte uns den Prozess, zeigte eine besondere Bohne und kredenzte uns diese als Filterkaffee. Ein Glas für 8 Euro. Klingt verrückt, schmeckte nach Pfirsich und war jeden Cent wert.

Danach wieder Frühstück in der Bäckerei. Diesmal wurden wir von Holis Mutter empfangen. Ihr erster Satz:

 „Na, für Radlfahrer seids ihr aber bullig.“

Na mal herzlichen Willkommen in Oberösterreich, auch wenn es treffend ist, irgendwie. Denn der Tag hatte es in sich: der steilste Forstweg Österreichs wartete auf uns. Holi nannte es schlicht „den Hausberg“.

Schon die Anfahrt brachte mich ins Schwitzen. Ein älterer Herr mit Sense kam uns entgegen, redete in bestem Dialekt auf mich ein. Ich verstand kein Wort und dachte kurz, der Sensenmann persönlich wolle mich abholen. Ein Vorbote für das was auf mich noch wartete.

Dann die Steigung: 24 Prozent. Holi flog wie eine Feder hoch, Robin biss sich durch, ich musste irgendwann schieben. Ein schmerzhafter Moment. Noch schmerzhafter: die Rentner auf E-MTBs, die mühelos an mir vorbeizogen. Holi erklärte später, die seien getunt und würden mit 80 Watt fahren, während wir  600 treten müssten. Meine Ehre war ein bisschen gerettet.

Oben die Belohnung: eine Hütte mit unfassbarem Ausblick und Kaiserschmarrn, der einfach alles wettmachte. Bergab war’s dann pure Freude: rasant, glühende Bremsen, eine halbe Stunde Adrenalin. Und dann war’s auch schon vorbei. Nach einer Dusche hieß es Taschen packen und auf zur Heimreise. Müde, kaputt, aber unendlich glücklich. Danke Holi für diese 3 unvergesslichen Tage.



Hier findest du den Trip visuell aufgearbeitet:

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